Lektüre zu Lektion 2.1

2.1.4 Gestaltgesetze

Auf dem Hintergrund weiterer ähnlicher Phänomene isolierten die Gestaltpsychologen, wie Max Wertheimer, Wolfgang Köhler oder Kurt Koffka, in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Reihe von so­genannten Gestaltgesetzen, die die Prinzipien der Gestaltwahrnehmung beschreiben (Katz 1969). Die wichtigsten aus einer Vielzahl von Gesetzmäßigkeiten sollen nachfolgend zur Sprache kommen.

Prägnanzprinzip

Allen weiteren Gesetzmäßigkeiten übergeordnet ist das Prägnanzprinzip. Das Gesetz der Prägnanz - auch Gesetz der guten Gestalt genannt - verweist auf die Tendenz der menschlichen Wahrnehmung, optische Reize in möglichst einfachen Gestalten abzubilden. Diesem Mechanismus zufolge erkennt man z. B. in der Abbildung 2.7 ein überlappendes Drei- und Rechteck, nicht aber ein komplexes Vieleck.

­Prägnanzgesetz

Abb. 2.7 Gemäß dem ­Prägnanzgesetz ­nehmen wir ein ­überlappendes Dreieck und Rechteck wahr und kein komplexes Vieleck

Gute Gestalten berücksichtigen die Wahrnehmung von Einfachheit, Symmetrie, Regelmäßigkeit und Kontinuität. Jede Figur wird so wahrgenommen, dass sie in einer möglichst einfachen Struktur resultiert.

Gesetz der Nähe

Nach dem Gesetz der Nähe werden Elemente mit geringen Abständen zueinander als zusammengehörig (als Gestalt) wahrgenommen (→ Abb. 2.8). Die nahe zusammenliegenden und nicht die entfernten Linien bilden Gestalten (z. B. schmale senkrechte Röhren).

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Abb. 2.8 Beispiel für das Gesetz der Nähe

Gesetz der ÄhnlichkeitNach dem Gesetz der Ähnlichkeit werden einander ähnliche Elemente eher als zusammengehörig (als Gestalt) erlebt als einander unähnliche ( Abb. 2.9). Trotz Mischung der Elemente nimmt man in der Abbildung 2.9 die Kreise bzw. die Rechtecke als zusammengehörig wahr.

Gesetz der Ähnlichkeit

Abb. 2.9 Beispiel für das Gesetz der Ähnlichkeit

Gesetz der ­GeschlossenheitSchließlich werden nach dem Gesetz der Geschlossenheit Linien, die eine Fläche umschließen, unter sonst gleichen Umständen leichter als eine Einheit (Gestalt) aufgefasst als diejenigen, die sich nicht zusammenschließen. Im Beispiel (→ Abb. 2.10) sehen wir jene eckigen Klammern als zusammengehörig an, die Rechtecke bilden, weil diese eher eine Fläche umfassen als jene benachbarten eckigen Klammern, die auseinanderstreben.

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Abb. 2.10 Beispiel für das Gesetz der Geschlossenheit

MustererkennungEs gibt noch eine Vielzahl weiterer Gestaltgesetze, die aus Platzgründen nicht besprochen werden. Alle zeigen sie das zugrunde liegende Prinzip, wonach die physikalischen Reize im Gesichtsfeld nach Prinzipien organisiert werden, um zu einer Figur / Gestalt-Hintergrund-Unterscheidung und damit zu einer sicheren Orientierung zu gelangen.

Blättern wir noch einmal zurück zu Abbildung 2.2, so erkennen wir unmittelbar, dass die Gesetze der Ähnlichkeit und Nähe die Gesamtgestalt (Strandkörbe) im Vordergrund prägen und somit direkt zur räum­lichen Wahrnehmung beitragen.

Wie stark diese Tendenz zur räumlichen Sichtweise und zur Prägnanz (Geschlossenheit) ist, zeigt auch Abbildung 2.6 (amodale Figur), die darüber hinaus überzeugend belegt, dass der bisher analysierte elementare Wahrnehmungsvorgang, den man auch Mustererkennung nennt, einen Konstruktionsprozess darstellt, der sogar deutliche Abweichungen von der Reizgrundlage produziert.

Diese Abweichungen können nicht nur im Hinzufügen oder Verstärken von Linien, Konturen und Kontrasten bestehen, sondern auch dazu führen, dass physikalisch gleiche Lichtreize dramatisch unterschiedlich erlebt werden (→ Abb. 2.11). Die Felder A und B unterscheiden sich in unserer Wahrnehmung überdeutlich, nicht aber als physikalischer Reiz, sie haben objektiv die gleiche Helligkeit bzw. Farbe.

Anwendungsbeispiel

Für die Schule ist nach wie vor die Tafel das vorherrschende Medium zur Präsentation von Informationen. Anders als beim Schulbuch, hat der Lehrer hier einen direkten Einfluss auf die Gestaltung und er sollte daher sein Wissen um die Gestaltgesetze bewusst einsetzen.

In der Abbildung 2.12 sind zwei Tafelbilder mit demselben Inhalt dargestellt. Die Abbildung verdeutlicht sehr anschaulich, dass der Lehrer die Tafel nicht wie ein Heft mit ganzen Sätzen füllen sollte, dies würde sich allenfalls zur Übung in der Primarstufe eignen.

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Abb. 2.11 Ein Beispiel für den Helligkeitskontrast ­aufgrund der ­Schattenwirkung

Auf der zweiten Tafel wurde derselbe Inhalt mit Hilfe von Gestaltgesetzen aufbereitet. Die zentrale Aussage ist zentral in die Mitte der Tafel gesetzt worden. Die sechs Prinzipien sind hierum symmetrisch in gezeichneten Blöcken angeordnet. Die Blöcke selber führen zur Wahrnehmung der Ähnlichkeit der Prinzipien auf der Ebene des Ikons, inhaltlich können die Begriffe in den Blöcken sehr weit auseinander liegen, dennoch gehören sie in die Gruppe der Prinzipien. Durch die Nähe der Blöcke zueinander wird Geschlossenheit erzeugt. Die Prinzipien schließen die zentrale Aussage ein. Prägnanz und Einfachheit sind durch das Wegnehmen von redundantem Text hergestellt.

Es liegt auf der Hand, mit welchem Tafelbild sich ein Schüler lieber auseinandersetzen wird, sofern er denn eine Wahl bekommt.
Effekte der Gestaltgesetze

Abb. 2.12 Die Tafelbilder enthalten jeweils denselben Inhalt, in ihrer unterschiedlichen Erscheinung ist zu erkennen, dass ein Tafelbild die Effekte der Gestaltgesetze nutzt